Anne Kreuz Fotografie

Warum die Wirtschaft Start-ups braucht

29. Oktober 2018 Gastbeiträge
In Deutschland haben wir tolle Unternehmen, Weltmarktführer, die alle anderen hinter sich lassen. Darüber vergessen wir gern, dass es auch Unternehmen gibt, die jahrelang vor sich hindümpeln und dass disruptive Innovationen eher selten von Weltmarktführern kommen.

Von Dr. Hubertus Porschen

Solche Unternehmen sind in der Regel Optimierer von Prozessen und Spezialisten in erneuernder Innovation. Etablierte Unternehmen, so die Erkenntnis von Clayton Christensen, orientieren sich an arrivierten Märkten im oberen Preissegment. Ihre Kunden setzen in der Regel auf evolutionäre Innovationen. Die Märkte für disruptive Innovationen sind meistens klein und ihr Anspruch nicht so hoch, das bedeutet geringere Gewinnmargen, die für die Etablierten nicht interessant genug sind. Hier kommen die Start-ups ins Spiel. Meist im Team gegründet, bringen sie mit Mut, Hingabe und wenig Ressourcen schnell neue Produkte an den Markt, die sie im Feedback mit den ersten Kunden weiterentwickeln. Sie besetzen Nischen und innovieren in Bereichen, die für große Unternehmen aufgrund des anfänglich geringen Marktvolumens uninteressant sind oder schlichtweg nicht zum Kerngeschäft passen. Besondere Bedeutung kommt den Ausgründungen aus Hochschulen zu, denn sie transferieren neues Wissen in die Wirtschaft.

Start-ups können disruptiv

Seit dem zweiten Weltkrieg stammen 95 Prozent aller radikalen Neuerungen von Gründern beziehungsweise von Pionieren, was noch einmal die Wichtigkeit von Existenzgründungen unterstreicht. Innovative Neugründungen stimulieren also den Wettbewerb, forcieren den wirtschaftlichen Strukturwandel und generieren so in der Regel Wachstum und Arbeitsplätze. Trotz der wichtigen Funktion der Großindustrie bei der Kommerzialisierung von Technologien wie der Nanotechnologie kommt den Start-ups, die sich durch Technologieentwicklungen und entsprechende Nischenprodukte auszeichnen und mit großem unternehmerischem Risiko behaftet sind, eine Schlüsselrolle als Innovationstreiber zu. Denn das F&E-Budget großer Unternehmen fließt überwiegend in die inkrementelle Weiterentwicklung bestehender Produkte. Erst später „springen sie auf den Zug auf“, indem sie zum Beispiel kleinere Unternehmen oder Gründungen kaufen.

Vom Produkt zum Kunden

Die deutsche Industrie ist nach wie vor Champion, was Effizienz, Präzision, Qualität, perfekte Prozesse, Liefertreue und Zuverlässigkeit angeht. Gerade der Mittelstand hält sich einiges auf seine Innovationsfähigkeit zugute und ist stolz auf seine hoch entwickelten Produkte und das damit einhergehende Know-how. Allerdings: Die Mehrzahl der Innovationen sind nichts, was die Welt aus den Angeln heben könnte, sondern Perfektionierungen oder Weiterentwicklungen der technischen Seite von Produkten. Im Mittelpunkt der meisten Innovationen steht nach wie vor das bestehende Produkt und nicht der Kunde. Doch so entstehen keine disruptiven Innovationen, sondern erhaltende beziehungsweise evolutionäre. Künftig wird es aber nicht mehr ausreichen, den Motor noch etwas sparsamer, die Verpackungsmaschine noch etwas präziser oder schneller zu machen. Und auch das, was momentan unter dem Label „Industrie 4.0“ läuft, dient im Grunde genommen hauptsächlich der weiteren Automatisierung von Prozessen, solange die Möglichkeiten nicht zur Entwicklung radikal neuer Geschäftsmodelle genutzt werden. Was nützt die ganze Sensorik und Datensammlung, wenn man nichts damit anfängt, was wirklich zusätzliche Wertschöpfung bringt?

Kooperation statt Übernahme

Natürlich müssen Produkte und Prozesse auch weiterhin verbessert werden. Gleichzeitig ist es aber notwendig, die Veränderungen am Markt, in der Technologie und beim Kunden im Auge zu behalten.

Veränderung fängt nicht beim Produkt an, sondern beim Kunden und seinen Bedürfnissen, heute und in Zukunft. Und auch der wache Blick über die eigene Branche hinaus, ist nützlich. Oft werden in anderen Branchen Entwicklungen sichtbar, die man mit dem eigenen Know-how zu neuen Überlegungen verknüpfen kann. Durch die Digitalisierung entstehen überall neue Regeln und Prinzipien. Um sie rechtzeitig zu erkennen, ist Vorausschau nötig. Deshalb müssen sich Unternehmen mehr denn je mit Trendforschung und -analyse beschäftigen und schnell handeln. Vor allem letzteres fällt etablierten Unternehmen schwer – die eigene Kultur, festgelegte Strukturen und Prozesse sowie allzu langfristige Planung inklusive Ressourcenbindung stehen ihnen im Weg und machen sie langsam. Das ist besonders deswegen schlimm, weil sich alles, was mit Digitalisierung zu tun hat, exponentiell und nicht linear entwickelt. Die Mehrzahl unserer Unternehmen, Unternehmer und Manager kommen jedoch aus einer linearen Welt und denken entsprechend. Hinzu kommt manchmal Arroganz nach dem Motto „läuft doch bestens“.

Die Kooperation mit einem Start-up kann neue Geschäftsmodelle erschließen, neuen Arbeitsweisen und -methoden den Weg ebnen und zur Kulturveränderung beitragen, aber nur, wenn die Zusammenarbeit auf gegenseitigen Respekt gründet und die Unabhängigkeit des Start-ups stets gewahrt bleibt. Wer versucht, ein Start-up in das Unternehmen einzugliedern, verliert in der Regel genau die Vorteile, die ein Start-up ausmachen. Start-ups, oder auch Digitaleinheiten, brauchen Freiheit, sogar in räumlicher Hinsicht.

In meinem Buch „Digitaler Suizid. Warum wir vom Hightech-Standort zum Entwicklungsland verkommen und was wir dagegen tun können“ stelle ich Start-ups vor, die aus etablierten Familienunternehmen hervorgegangen sind sowie Familienunternehmen, die in Zusammenarbeit mit Start-ups neue Geschäftsmodelle entwickelt haben.

Dr. Hubertus Porschen ist vielfacher Gründer und Geschäftsführer der App-Arena GmbH in Köln. In den Jahren 2015-2018 hat er als ehrenamtlicher Vorstand dem Verband „Die jungen Unternehmer“ vorgestanden. In der Zeit hat er sein aktuelles Buch „Der digitale Suizid“ geschrieben. Heute berichtet er zudem als Keynote-Speaker für Digitalisierung und Innovation von seinen Erfahrungen.

drucken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.